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Mara: Lost in Lima

Mara war feiern. Ohne Ende und ohne Plan. Planlos in Lima. Dabei wollte sie eigentlich die Gegend erkunden – und zwar vor ihrem Einsatz als Freiwillige im peruanischen Kinderheim.  Rauf in die Berge, wandern auf dem Inkatrail. Das war der Plan. Stattdessen: lost in Lima, versackt und verkackt. Elektro im Gotica, 80iger Musik im Nebula und Brujo Sour in der Huaringas Bar. Das ganze Programm. Tagelang.

Ihre Mam hat das aufmerksam verfolgt über Facebook.

Einmal kam eine Yellow Message. So nennt Mara die Nachrichten ihrer Mutter wenn sie einen leichten Unterton haben und zwischen den Zeilen sagen „Ich mache mir Sorgen“, „bist du sicher, dass es richtig ist was du da tust“ sowie alle möglichen Sätze, die mit „aber“ anfangen. „Aber du wolltest doch ein Praktikum machen“ , „aber gesund ist das nicht“ oder „aber hast du auch was warmes an“. Na ja. So was eben. Mamamässig. Die nächste Stufe wäre dann rot. Dann drohte Ungemach. In diesem konkreten Fall war es nur gelb und der Dialog auf WhatsUp sah so aus:

Mama: Bist du immer noch in Lima?

Mara: Yep

Mama: Aber du wolltest dir doch noch Peru ansehen

Mara: stimmt.

Pause

Mama: geht es dir gut?

Mara: Si

Mama: Feiern ist ja ok, aber jeden abend?

Mara: Mama!

Pause

Mama: ich mein ja nur. Mach mir halt Sorgen.

Mara: musst du nicht. Bin 24.

Pause.

Mara: du warst doch in dem Alter auch unterwegs in Südamerika.

Mama: Ja und?

Mara: Bestimmt auch gefeiert

Mama: 1980. Nix Party. Militärdiktatur. Ausgangssperre ab 18 Uhr.

Mara: Krass! was habt ihr abends gemacht?

Mama: Gitarre ausgepackt und gesungen.

Hm. Komische Zeiten waren das, denkt Mara. Das konnte sie sich so gar nicht vorstellen. Nachts nicht vor die Tür gehen dürfen? Das ist ja wie Knast und Hausarrest zusammen. Fieser Diktator. Wer war das eigentlich? Na egal. Hauptsache diese Spaßbremse tauchte nicht im Hier und Jetzt auf.

Andererseits. Neulich, als Mara allein in einem Club war, weil ihre WG Leute alle mit Durchfall in den Seilen hingen, wäre so eine Ausgangssperre nicht schlecht gewesen.

Gut, dass ihre Mam das mit den KO Tropfen nicht wußte.

Eigentlich war es ein super Abend. Coole Location, nette Leute, gute Musik, super Stimmung.

Und dann wacht Mara kurz vor Sonnenaufgang mit einem Mörderkater unter einer Palme auf. Am Strand! Mit einem totalen Blackout. Komisch, denkt sie  und reibt sich die Augen, dabei habe  ich doch gar nicht so viel getrunken. Mara setzt sich schwerfällig auf und versucht Bruchstücke der Erinnerung zusammenzusetzen. Sie sieht die drei tanzende und lachende Frauen vor sich, bunte Lichtspiele, die Tanzfläche, das Klo, dann wieder Tanzfläche. Und dann? -Nix. Schwarz.—Wie spät war es eigentlich? Mara will auf ihr Händy sehen. Aber der Jutebeutel mit Portmonnaie und Iphone ist weg. Verdammt. Was war passiert? Konzentrier dich, denkt sie, gleich hast du es… tanzen mit drei Mädels. Auf der Tanzfläche. Bunte Lichter. Lachen. Was hab ich da getrunken….Bier?…nein, ein Glas Cola…könnte da jemand was reingeschüttet haben?….ja, definitif. Das Glas stand auf der Bar. Ich auf der Tanzfläche…..tanzen, tanzen, lachen. —Und dann? Maras Gehrin fühlt sich an wie Blei. Es ist, als rutschten ihre Gedanken auf einem glitschigen Fels aus, kurz bevor sie das Bewußtsein erreichten. — Was war dann? Komm schon. Sterne. Blinkende Sterne. Genau. Wir sind runter gegangen an den Strand. Sterne zählen. Und dann? nichts mehr. Schwarz. Alles weg. Unheimlich. Ein richtiges Blackout. Hatte Mara noch nie. Trotz wilder Mischungen aus Tequila, Pisco und Redbull. Mara schaut an sich herunter. Erleichterung. Ist noch alles dran, also auch die Kleidung und so. Wären Typen dabei gewesen müsste sie sich jetzt echt Sorgen machen. Aber Mara ist an sich nicht so der Sorgen-Typ. Shit happens, denkt sie, nix passiert, nur die paar Kröten und das Handy weg. Echt Glück gehabt. Lucky day.

Aber das Händy hole ich mir wieder, denkt Mara und trottet los, ihren Kater im Schlepptau.

Zu Fuß. Geld war ja weg. Mara blinzelt. Sie hat schon oft die Sonne aufgehen sehen in Lima, aber heute ist Miraflores in ein besonders schönes Licht getaucht. Oder ist das noch ein Nachhall der KO Tropfen? Halluzinationen? Ach was,  alles ist gut, denkt Mara und macht was sie als Kind immer getan hat wenn sie im dunklen Keller Wasser holen musste: sie pfeift ein Liedchen. Das beruhigt.

In der WG angekommen, sitzen zwei ihrer Mitbewohner mit noch grünlichen Gesichtern in der Küche und schlürfen Anti-Durchfall-Mate-Tee.  „Wo warst du denn?“ fragen die anderen „siehst ja ganz schön fertig aus.“ „Ja, danke, ihr übrigens auch“, grinst Mara. Dann erzählt sie die ganze Geschichte.

„Hey, ich habe eine Idee. Wir orten dein Iphone!“ Na klar, warum war Mara nicht gleich darauf gekommen. Sie gibt ihre Icloud-Daten in den Laptop ein. Und enter. Jetzt „mein iphone suchen“. klick. Alle starren wie gebannt auf den Monitor. Eine Karte von Lima öffnet sich und – Yeah! da taucht ein grünes, rundes Blinksignal auf und die Zaubernachricht: „Mara’s iPhone-vor weniger als einer Minute“. Nur fünf Häuserblocks weiter. Gut, dass der Akku voll war.

Leben kommt in die Bude. Jeder hat einen Vorschlag was nun zu tun sei. „Wir gehen zusammen hin und schauen uns das erst mal an“, sagte Luzi aus der Schweiz. „Polizei“, meinte Tom aus Kanada. „Du gehst zur Polizei und zeigst die an. Dann holen sie dir dein Handy zurück“

„Polizei? Nein auf keinen Fall! Am Ende werden meine Eltern benachrichtigt! Der Vertrag läuft über meinen Pa. Meine Mam setzt sich sofort in einen Flieger und kommt. Die stirbt vor Sorge. Ausserdem hat sie mir eingetrichtert: hüte dich vor Polizei und Militär. Alle korrupt.“ Keine Polizei, soviel war klar.

Roberto, ihr peruanischer Gastgeber, schaut auf den Monitor und runzelte die Stirn. „Komische Ecke das. Mitten im Wohngebiet ein Schrottplatz und Baracken. Ich kenne Typen, die da wohnen. Nicht die Saubersten. Aber die schulden mir noch einen Gefallen. Warte, ich ruf den an und sage ich will ein iphone kaufen. Mal sehen was er mir anbietet.“

Jetzt wird es spannend. Mara’s Kopf brummt. Der Magen grummelt. Eine Kuckucksuhr (bestimmt ein Gastgeschenk) macht TicTacTicTac. Während Mara einen starken Kaffee kocht telefoniert Roberto.  Mara versteht kein Wort. Lima-Slang. Aber Robertoss  Mimik nach funktionniert sein Plan. Als er fertig ist guckt er triumphierend in die Runde. „Und“?  fragt Marga. Jawohl ja.

Ein iPhone sei gerade ‚frisch reingekommen‘. Hallo? Sind wir auf dem Fischmarkt?

Roberto hat dem Freund, der nicht ganz sauber ist, verklickert, dass es sich zufällig um das Iphone einer deutschen Freundin handele, die bei ihm zu Gast sei. Und Gäste stünden unter seinem besonderen Schutz. Und wenn der Freund, der nicht ganz sauber ist, keinen Ärger mit der Polizei haben wolle und es ernst meine mit dem Gefallen, den er ihm noch schulde, dann möge er mal ganz schnell das Händy rausrücken. Und zwar zackig.

Carlo schaut siegessicher in die Runde. Stolz. Er hat einen Deal ausgehandelt.

„Für 100 Dollar können wir es gleich wieder haben“, verkündet er. „Wie 100 Doller? Ich soll mein Händy zurück kaufen? ja, gehts noch! Der hat es doch geklaut!“ empört sich Mara.

„Na ja“, sagt Carlo, „ist so eine Art Unkosten-Aufwandsentschädigung. Der musste den Mädels, die dir das Zeug verabreicht haben, Getränke ausgeben, Clubeintritt bezahlen, die Kosten für die KO Tropfen und Benzin für seinen Roller.“

„Ich fass es nicht!“ Mara knallt ihre KAffetasse auf den Tisch.

„Das ist der Deal. 100 Dollar. Händy zurück. Oder kein Händy mehr“

Mara überlegt kurz und dann geht ein Strahlen über ihr Gesicht.

„Echt Leute, heute ist mein absoluter Glückstag: Nix passiert, alles heile und ich kann, Yeah, ein fast neues iPhone mit all meinen persönlichen Daten und Passwörtern sowie vorinstallierten Apps für den Hammerpreis von 100 Dollar kaufen! Wie cool ist das denn!“

Und das meinte sie nicht mal ironisch. Denn in einem war Mara wirklich Expertin: sie machte immer aus allem das Beste. Meckern, schmollen und Groll schieben, das war nicht ihr Ding.

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Folge 8: Brasilianisch für Anfänger

Roxana arbeitet im Informationsbüro der Stadt Recife. Ich hatte dort nach Strassenkarten gefragt und wollte wissen, wo ich portugiesisch lernen könne. „Portugiesisch“, sagt sie mit einem verschmitztem Lächeln, „wird hier nicht gesprochen. Hier spricht man Brasilianisch, klar?“ Das sei nämlich längst nicht das gleiche.

Brasilianisch=Portugiesisch mit Herz und Musik.

Ich verstehe zwar nur wenig, aber Roxana redet so charmant auf mich ein, ihre Worte facettenreich mit Gesten und Mimik unterstreichend, dass das Wichtigste bei mir ankommt: sie heißt uns herzlich willkommen in Brasilien, gibt uns ihre Telefonnummer und bittet uns, sie anzurufen, damit sie uns Stadt und Umgebung zeigen könne. Ich bin überwältigt und beginne zu begreifen was das deutsche Fremdwort „Gastfreundschaft“ wirklich bedeuten kann.

Am nächsten Tag treffen wir Roxana abends auf dem Universitätsgelände. Wenn ich sie richtig verstanden habe gibt es dort einen Brasilianischkurs für Ausländer und sie bringt uns hin. Vorher zeigt sie uns das Gelände. Die meisten geisteswissenschaftlichen Fakultäten sind seit Monaten geschlossen. Der Staat fürchte „politische Umtriebe“. Man habe Studentenheime gebaut aber gleich nach Fertigstellung wieder geschlossen, damit sich dort keine revolutionären Kräfte bündeln können.

„Der Staat fürchtet sich zu Recht“

erklärt Roxana grimmig. Achtzig Prozent der Bevölkerung verdiene weniger als 2000 Cruzeiros (damals etwa 50 Euro) monatlich. Grundnahrungsmittel wie Reis und dicke Bohnen müssten zum Teil importiert werden. „Und warum?“ fragt Roxana „weil ein großer Teil der landwirtschaftlichen Produktion auf den Anbau von Zuckerrohr umgestellt wurde. „Und zwar nur deshalb weil irgend so ein Schreibtischfritze auf die Idee gekommen ist, aus Zuckerrohr Alkohol zu machen und als Benzinersatz einzusetzen.“ Jetzt kommt Roxana richtig in Fahrt. „Der Ölimport wird eingeschränkt, Devisen gespart. Der Erfolg ist nun, dass das Benzin der Reichen billiger ist und die Nahrungsmittel der Armen teurer!“

Wir kommen an den halb verfallenen, nie genutzten Studentenwohnheimen vorbei. Das ganze Universitätsgelände wirkt gespenstisch. Vor einer alten Holztür bleiben wir stehen, sie zieht einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnet knirschend das Tor zu einem riesigen Hörsaal, der offenbar schon lange nicht mehr benutzt wurde. „Setzt Euch“ sagt Roxana und eilt entschlossen nach vorne. „Unser Hausmädchen hat früher hier geputzt, sie hat mir den Schlüssel geliehen.“ Roxana zwinkert uns zu. Wir sitzen etwas verloren auf unseren Holzsitzen und sind gespannt was jetzt kommt. Roxana schreibt an die Tafel: Falo brasilero. Ich spreche brasilianisch.

„Tudo bem?“

fragt sie. Na klar. Wir packen unsere Hefte und Stifte aus und so beginnt unsere erste Brasilianisch-Stunde. Mit einer Lehrerin die keine ist, in einem Hörsaal, der längst nicht mehr benutzt wird, in einem Land, das wir kennen lernen wollen. Tudo bem.

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Folge 7: Tudo bem in Brasilien

1980 Recife

Auf der Landkarte sah es aus als sei es ein Katzensprung: von Cayenne in Französisch Guyana nach Recife im Nachbarland Brasilien. Aber jetzt fliegen wir seit Stunden und der grüne Urwaldteppich scheint keine Ende nehmen zu wollen. Links das Blau des Atlantiks, rechts das grün des Amazonasgebietes. Ein endloses Band, einschläfernd  wie das Summen der Motoren. Dann endlich Abwechslung: wir überfliegen einen Strom, braune Wassermassen, die sich unermüdlich in das Meer hineindrängen, bis sie sich schließlich, weit draußen, mit seinem Blau zusammen tun. Es ist der Amazonas.

„Amazonas“ sage ich zu Christian und denke an Amazonen: hüftwackelnde, kaffeebraune Frauen, die mit verheißungsvollem Lächeln für Rum werben. Mandeläugige Schönheiten in Tanga-Hösschen, die aus irgendeinem Reiseprospekt herausgerissen wurden und zweckentfremdet an löchrigen Brettern einer Werksbude hängen oder in der rostigen Spinttüre eines Mechanikers. Ich denke an Karneval in Rio, an Samba, nein, nicht an das damals neue Modell von Ford, Samba, der Tanz, nicht der, den ich in der Tanzschule gelernt habe sondern Samba, der echte, aus Brasilien.

Auf dem Weg in die Stadt bekomme ich eine leise Ahnung davon, dass das Leben in Brasilien nicht viel mit den Bildern in meinem Kopf zu tun hat.

Favelas säumen die Strasse, endlose Buden wild zusammengehämmert mit Wellblechen darauf. Von unserem Hostel aus führt eine Brücke direkt zum Zentrum. Der Gang über diese Brücke, jene endlose Brücke, wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Eingebrannt wie ein Tatoo. In fünf Minuten ist sie überquert wenn ich mich beeile. Aber sobald ich sie betrete verwandelt sich die gefühlte Zeit in eine zähe, klebrige Kaugummimasse. Es ist als laufe ich, aber käme nicht voran. Der kurze Weg führt durch eine nicht enden wollende Welt des Elends. Eine Welt, die mich in Deutschland gelegentlich über den Bildschirm eines Fernsehers erreicht hat, die aber nie wirklich bei mir ankam. Jetzt bin ich plötzlich mittendrin, so real und unwiderruflich, dass ich daran zu ersticken glaube. Rechts und links sitzen, stehen, krümmen sich Seite an Seite Bettler, eine endlose Kette von anklagenden Blicken, verstümmelten Körpern, Leprahänden die sich mir entgegenstrecken und aufgeblähte Kinderbäuche, die ihre ganz eigene Sprache sprechen. Ein verhaltenes Murmeln flehender, weinender und klagender Stimmen, eine lückenlose Kette stummer, bittender Hände.

Mir ist übel, kotzübel. Ich bin garantiert die einzige Fremde weit und breit. Gut genährt und die Taschen voller Geld. Was mache ich eigentlich hier? Ich schaue über die Brücke ins Flussbett. Ein stinkendes Abwasserrinsal quält sich durch das schlammige Flussbett ohne Wasser. Mitten im Unrat wühlen Kinder auf der Suche nach etwas Brauchbarem. Der Druck auf meinen übersättigten Magen, wird grösser. Der Kloss im Hals sitzt so fest als wolle er ein fester Bestandteil meines Körpers werden.

„Schau weg“ sagt mein Verstand.

Aber auch bei geschlossenen Augen ist sie noch da, die Brücke. Ich rieche, fühle und schmecke sie. „Lauf weg“ sagt mein Verstand, aber ich glaube ihm nicht mehr. „Entrüste dich, sei wütend“ sagt mein Verstand, aber die Gefühle weigern sich Vernunft anzunehmen. Sie sind zu sehr mit Schmerz und Scham beschäftigt.

Darauf war ich nicht vorbereitet. Obwohl ich das Gefühl an sich kannte. Eine Zeitlang war es mir auf meinem Schulweg in Köln begegnet. Wenn ich an den grauen, eintönigen, eilig in den 50er Jahren hochgezogenen Reihenhäusern vorbei ging, glaubte ich manchmal zu spüren, wie an den vergilbten Vorhängen der Fenster grausige Geheimnisse klebten, die niemals nach außen dringen durften. Geschichten um Verrat, Misstrauen und Ohnmacht. Geschichten um Krieg, Gewalt und Unrecht.

Ich war ein 8 jähriges, viel zu dünnes, kleines Mädchen. Und stellte mir vor, es sei Krieg, Panzer kämen die Strasse hinuntergerollt, genau auf mich zu, schiessten auf Passanten. Bomben fielen vom Himmel und Häuser stürzten ein. Ich sah Verwundete schreiend in ihrem Blut liegen, Mütter, die sich wie ein Schutzschild auf ihre Kinder warfen. Ich stellte mir vor, wie meine Eltern genau das erlebt hatten und fühlte mich so, wie sie sich gefühlt haben mussten. Keine Ahnung wo diese Bilder herkamen. Meine Eltern erzählten nichts vom Krieg. Ich kannte den Krieg nur vom Essen. Wenn ich nicht essen wollte, dann kamen die Sprüche: ‚wir wären froh gewesen wenn wir etwas zu essen gehabt hätten im Krieg. Ihr habt keine Ahnung wie gut ihr es habt.’ Mehr wusste ich nicht vom Krieg. Und doch überfuhr mich die Vorstellung vom Gemetzel oft völlig unerwartet. Und eben dieses Gefühl, das Wissen um den Schmerz der anderen, das Schuldgefühl weil es anderen schlecht ging und mir gut. Das traf mich als Kind – ohne es zu verstehen- mit der gleichen Wucht wie 16 Jahre später beim Überqueren der Brücke in Recife. Aber jetzt war ich 24 Jahre alt. Nicht mehr schutzlos ausgeliefert. Und ich hatte Christian an meiner Seite. Und für Christian war die Welt in Ordnung. So war das eben: es gab Reiche und Arme. Wir hatten einfach nur Glück zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort auf die Welt zu kommen.

Jahre später erinnerte er sich einmal an Recife und meinte: ‚weißt du noch diese Stadt mit den vielen Brücken, dieses südamerikanische Venedig?’ An die Bettler konnte er sich überhaupt nicht erinnern. Wohl aber an Roxana, die junge Brasilianerin mit den schelmischen Augen und den großen Brüsten.

 

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Folge 6: Neusein in Lima

Das Apartment befindet sich in der 3. Etage. Die Tür ging erst auf, als ein netter Nachbar von gegenüber mit ordentlich Muskelkraft nachgeholfen hatte. Die Unterkunft hat Mara online gebucht und Gastgeber Carlo ist noch in der Uni.

Mara öffnet ein Zimmer nach dem anderen. Küche, Bad, Wohnzimmer , ein Zimmer ist abgeschlossen und das zweite offen. Das wird das Gästezimmer sein. Richtig: 3 Hochbetten auf engstem Raum. Zwei Rucksäcke stehen rum.  Mara hieft ihr Gepäck auf ein freies Bett, zieht die dicken Schuhe aus und tigert in die Küche. Zettel mit Pfeilen helfen bei der Orientierung. Kaffee. Zucker. Herd an. Herd aus. Und so weiter. Erst mal Kaffee machen. Das ist, was Mara an Airbnb oder 9flat so liebt: man kann sich gleich wie zu Hause fühlen, hat einen Platz im Kühlschrank und darf sich in der Regel an Kaffee, Zucker, Salz, Ol, Essig bedienen. Mara stellt den Herd an. Wuschschschschschsch, wie ein Blitz durchzuckt es ihren müden Körper. Sie macht einen Sprung zur Seite. Scheiße was ist das denn?

Voll einen gewischt gekriegt. Mindestens 220 Volt. Oder Starkstrom? Und dann sieht Mara den Zettel:

„Achtung, nur mit Flip Flop kochen.“

Hups, Herd ist wohl nicht geerdet. Ja, das kommt vor. Nachdem sie das Kaffeewasser aufsetzen überlebt hat, inspiziert Mara das Bad. Eine abenteuerliche Konstruktion in der Dusche mit frei liegenden Elektrokabeln hält sie nach dem Stromstoß von eben erst mal vom Duschen ab.

Maras Rundgang endet im Wohnzimmer. Aha, der Router. Sehr gut. Das ist schon mal die halbe Miete. Zwei abgewetzte Sessel, ein Couchtisch, ein Esstisch, sechs verschiedene Klappstühle. An der Wand ein Bild vom heiligen Christopherus und von Maria mit Jesus. Wahrscheinlich hat Carlos das Apartment von den Eltern geerbt und nicht viel verändert. Ein Bücherregal mit englischen Büchern und Reiseführern. Zurückgelassenes von Gästen, die nach Hause fahren. Eine Landkarte von Peru. Mara faltet sie auf. Legt sie so rum und anders herum . Wo ist hier unten und oben? Mara nimmt ihr i-phone zu Hilfe. Sucht w-lan und gibt dann bei Google Maps Lima ein. Stellt einen kleineren Massstab ein und vergleicht was sie sieht mit der Karte. Ok, ja, ist klar. So rum.

Also wo ist jetzt Lunahuaná? Mal kurz Wikipeden: voila. Provinz Canete, ca 187 km südlich von Peru am reißenden Fluss Rio Canete. Da will sie morgen Adrenalin-Rafting machen. Auf Tripadvisor findet sie 428 Berwertungen. „Seguridad en un Mundo Extremo“ verspricht eine Agentur. „You will enjoy new thrills“ kündigt eine andere an. Mara klickt auf „Bilder“. Cool. Da geht ja echt die Post ab. Und Leute lernt man da bestimmt auch kennen. Weitere Optionen: Abseilen an einer Felswand. Canopy. Quad fahren. Reiten. Kostet? Mal sehen. Canopy 140 Soles. Währungsrechner.de aufrufen, aha macht 36 Euro. Krass, das ist ja spottbillig. In Singapur hat Mara dafür über 60 Euro bezahlt. Und Rafting? 40 Soles, das sind knapp 10 Euro. Für 1,5 Stunden Rafting. Hammergeil. Da bin ich dabei. Mara postet ihr Programm für morgen auf Facebook. Diesmal nur ein Kommentar von Fabi, kein „gefällt mir“:

Sie nimmt ihr I-phone mit in die Küche und untersucht den Kühlschrank. Leer. Blick auf das i-phone. Keine neuen Kommentare. Komisch. Mara packt ihren Koffer aus. Immer noch nichts auf dem Display zu sehen. Mara guckt auf die Uhr. Ach so, 20 Uhr in Peru, 3 Uhr morgens in Deutschland. Die pennen. Mara ist erleichtert. Dann hört sie Stimmen vor der Tür. Das Schloss geht und drei Leute kommen rein. Sprechen Englisch und lachen.

Das ist der Moment, den Mara haßt: Neusein.

Nicht, dass sie schüchtern wäre. Aber irgendwo alleine ankommen heißt auch immer auf Menschen stoßen die einander schon kennen. Auf Gruppen eben. Und Mara allein. Da fühlt man sich doof. Also erst mal cool gucken. „Hey, I’am Mara“. Das wär schon mal raus. Es ist dieser erste beschissene Moment. Fremdsein. Die Unsicherheit. Scham.

Finden die anderen mich cool oder einfach nur dämlich?

In echt wäre so ein Button „gefällt mir“ praktisch. Da wüsste man wenigstens woran man ist. Mara zwirbelt an ihrer langen Haarsträhne und schaut angestrengt auf ihr Handy. Als ob sie ein wichtige Nachricht erwartet und nicht gestört werden will.

Verdammt, ausgerechnet jetzt kein Mucks. Ich könnte einfach aufstehen und mich für die Party fertig machen, denkt Mara. Dabei spricht ihre innere Uhr eine ganz andere Sprache: ‚bin müde. Husch husch ins Körbchen. Zusammenrollen und mit dem Kissen kuscheln.’ Aber sie kann jetzt nicht schlafen gehen. Erstens hat sie auf FB schon ihre Teilnahme an der Party angekündigt und zweitens könnte es ja sein, dass die beiden Jungs hier und das Mädel auch auf die Rolle gehen. Wenn sie sich jetzt nicht einklinkt findet sie keinen Anschluss in Lima. Also Arschbacken zusammen kneifen. „Hey, ich hab gerade Kaffee gekocht, wollt ihr?“ fragt Mara. Der große Dunkelhaarige stellt sich als Tim aus Canada vor und guckt auf ihre nackten Füße. „Ich hoffe du hattest Flip Flop an, als du den Herd angestellt hast?“ grinst er. „Ne, hab den Zettel zu spät gesehen. Bin etwas gegrillt worden“. Die anderen lachen. Das Eis ist gebrochen.

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Folge 5: Da, wo der Pfeffer wächst – Cayenne 1980

Cayenne 1980

Es ist schon dunkel draußen, der Äquator nah. Der europäische Herbst steckt mir noch in Gliedern und Kopf als die Maschine landet. Dunkelheit assoziere ich mit Kälte. Umso verwirrter bin ich, als mir feuchtheißer Wind beim Verlassen der Maschine entgegenschlägt. Ich habe überhaupt keine Ahnung welche Jahreszeit und welches Klima mich erwartet in Französisch Guyana. Es ist das Zeitalter ohne Internet und wir sind jung und naiv. Wir wissen nichts von Mitlitärdiktaturen, die überall in Südamerika wüten, nichts von Ausgehsperren, von Folter und Willkür. In den europäischen Medien existiert Südamerika nicht.  Wir haben uns den einzigen und ultimativen BackpackerReiseführer besorgt, das „Southamerican Handbook“, ein Buch so dick wie die Bibel,  das uns später an einer Grenze abgenommen wird weil wir mit seinem hauchdünnem Papier Joints drehen könnten.

Während wir die Einreiseformalitäten erledigen, pellen wir uns schwitzend aus Jacke und Pullover. Wir stinken als hätten wir in einem Aschenbecher geschlafen. Rauchen im Flugzeug ist genauso normal wie rauchen auf dem Schulhof, rauchen am Arbeitsplatz, rauchen in der Strassenbahn, rauchen im Kino. Raucherplätze auf der Langstrecke heißt zudem doppelt rauchen, nämlich aktiv und passiv. Alle Raucher, die keinen Raucherplatz ergattert haben drängeln sich in den hinteren Reihen  und qualmen was die Stengel hergeben. Schwindelig ist mir jetzt, vielleicht ein Nikotin-Flash oder erste Entzugserscheinungen.

Der Zollbeamte donnert mit einem herzhaften „Bienvenue“ seinen Stempel in unsere noch druckfrischen Pässe und los geht’s.

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Willkommen in einer anderen Welt. Ich bin 24 Jahre alt, meine weiteste Reise bisher:  Spanien. Es ist, als wäre mit einem Schlag alles Bekannte nicht mehr wahr. Die Luft ist schwer und schwül, meine Haut dampft als koche mein Blut, es riecht nach…nach…ich weiß es nicht, süss-sauer-faulig. Ich kann es nicht zuordnen. Ist auch egal. Ich will ins Bett.

In halsbrecherischer Fahrt, kurvenschneidend und ununterbrochen laut hupend, angefeuert durch dröhnende Reggaemusik aus dem Autoradio bringt uns ein Taxi nach Cayenne, der Hauptstadt der französischen Kolonie. „ca fait 80 Franc M’sieur Dames“ . Wie bitte? 80 Franc für 10 Minuten Autofahrt? Das ist ja teurer als Paris! beschwert sich Christian. „Das ist noch gar nichts“ lacht der Taxifahrer „Sie werden sich noch wundern. Hier in Cayenne ist alles so teuer, und wissen Sie warum? Wir arbeiten nicht gerne und wenn wir es doch tun, muss es sich schon lohnen!“

Wäre er ein Weißer und hätte er nicht in der ersten sondern in der dritten Person plural gesprochen würde ich ihn entrüstet in die Rubrik „elender Rassist“ einordnen aber Bob ist rabenschwarz. Was nun? Er scheint das auch noch lustig zu finden. Jetzt singt er es sogar:

„wir-ar-beiten-nicht-gern-und tun-wirs-doch-muss-es-sich-schon-looooooooohnen.“

Oh mein Gott ist das peinlich. Ich würde ihm so gerne widersprechen. Wäre er doch bloß ein weißer arroganter Franzose, dann könnte ich jetzt zur Hochform auflaufen. Aber so höre ich kleinlaut seinem improvisierten Lied zu.

wer-sie-ben-kinder-hat-hat-aus-ge-sorgt.-merci-paris-merci-merci“

Und ich lerne etwas, was sich auf der gesamten Reise bewähren wird: der erste Taxifahrer am neuen Ort hat immer Recht.

Christian ist Franzose. Guyana ist Frankreich. Er ist also quasi zu Hause. Aber genauso verloren wie ich. Fremd eben. Unfassbar, das wir in einem französischen Departement sind.

In Guayana gelten die gleichen Sozialgesetze wie in der Grande Nation. Da fast jeder eine kleine Hütte besitzt, keine Miete zahlen muss und keine Heizung braucht, die Lebensmittel von den Bäumen fallen, lässt es sich allein mit dem Kindergeld gut leben. Sagt Jaques, ein ehemaliger Fremdenlegionär. Wir lernen ihn in einem Cafe kennen als er sein Frühstück mit einem doppelten Rum hinunter spült. „Es gibt 55000 Guyaner und davon sind 33000 Franzosen aus Frankreich, also Metropolfranzosen. Der Rest setzt sich aus Schwarzen, Indios und Mischlingen zusammen. Sie sind genauso Franzosen wie die Metropolfranzosen, denn Guyana ist seit 1946 ein französisches Department.“ Jacques schenkt noch mal ein und kommt offensichtlich richtig in Fahrt: „Wisst ihr was das bedeutet? Es bedeutet nicht nur, dass die gleiche Sprache gesprochen wird, in gleicher Währung bezahlt wird, es heißt eben auch, dass die gleichen Sozialleistungen gezahlt werden. Ein Witz sage ich Euch! In Frankreich will man mit einem hohen Kindergeld die Geburtenrate nach oben treiben. Hier in Guayana gibt es kaum eine Familie mit weniger als 10 Kindern. Und die bekommen alle das gleiche Kindergeld wie in Frankreich.“ Jacques klopft sich lachend auf die Knie. „Ein Witz ist das“.

Die werden schon irgendetwas davon haben, die Franzosen

denke ich still in mich hinein. Das tun die doch nicht aus Menschenfreundlichkeit. Oder Christian? Der zuckt hilflos mit den Achseln. „Keine Ahnung“, sagt er.

„Hey Jacques“, frage ich „welches Interesse hat Frankreich denn an Guyana?“ „Na ja, man munkelt etwas von Bauxitvorkommen in den Kaw-Bergen, so um die 42 Millionen Tonnen. Frankreich ist als Produzent von Aluminium an diesen Reserven natürlich sehr interessiert.“ Mein Weltbild ist wieder gerade gerückt und ich bin beruhigt. „Und was halten die Einheimischen von ihrer Zwangsfranzosierung?“ will ich wissen. „Na“, grinst Jacques „die können sich gar nichts Schöneres vorstellen! Kindergeld, Arbeitslosendgeld, Rente…und das alles unter tropischer Sonne und Palmenrauschen. So gut lebt nicht mal Gott in Frankreich“.

Ich habe ja während meiner Zeit in Paris noch nicht einmal verstanden wieso Gott in Frankreich so toll leben soll. Jetzt soll er also noch toller in Guyana leben? Ich bleibe skeptisch.

Jacques schlägt sich als Elektriker in Guayana durch und nennt das Land liebevoll „meine grüne Hölle“. Er will uns sein Guyana zeigen. Ich traue mich nicht zu fragen warum er die Fremdenlegion verlassen und sich ausgerechnet in Guyana niedergelassen hat. Ich will auch gar nicht wissen wo er in der Fremdenlegion war und was er gemacht hat. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass er  nicht immer auf der legalen Seite des Lebens gestanden hat. Wenn man eines kann in Guyana, ist es, sich vor Behörden verstecken. Andererseits ist er sympathisch und keineswegs furchteinflößend. Oder vielleicht ist er es doch. Aber Angst ist mir völlig fremd seitdem ich unterwegs bin.

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Irgendwo im dunkelsten Marktviertel stößt er dröhnend die Tür eines zerfallenen Holzhäusschens auf und erklärt , dies sei das beste Restaurant der Stadt. Der Hausherr drückt uns ein Glas Alkohol in die Hand und weist uns an, eine rote Chilichote zu zerkauen und es dann mit einem kräftigen Schluck aus dem Glas abzulöschen. Von Löschen kann da keine Rede sein. Jetzt weiss ich woher der Name Feuerwasser kommt. Das sei der Apero erklärt Jacques, total harmlos. Wir sind die einzigen Gäste am einzigen Tisch und die Köchin ist, wie immer in solchen Geschichten, rund und füllig, herzensgut und eben eine ausgezeichnete Köchin. Das Essen ist phantastisch.

Auf dem Hauptplatz feiern die Cayenner ihr Jahresfest. Sie haben sich alle sorgfältig und bunt gekleidet. Bob Marley Fans toben vor Begeisterung im dröhnenden Rhythmus der Reggaemusik. Vor Spieltischen und Wurfbuden herrscht Gedränge. Würfelspiele, Glücksspiele, Geschicklichkeitsübungen und Schießstände erfreuen sich großer Beliebtheit bei Jungen und Alten. „Lache, spiele, trinke, esse, tanze bis du umfällst“ rät mir ein junger Kreole.

Auf dem Weg ins Hotel stoße ich nur wenige Straßen weiter, auf dem Marktplatz von Cayenne, auf eine Demonstration von schwarzen Guyanern.„Franzosen raus“heißt es da.

Ein schwarzes, unabhängiges Guyana fordern sie. Sie protestieren gegen ungerechte Behandlung und Willkür, gegen Rassismus und Amtsmissbrauch durch französische Beamte. Die sind nämlich ausnahmslos Metropolfranzosen, also Weiße. Schwarze haben hier keine Chance auf Arbeit.Dieses kleine Detail hatte Jacques wohl vergessen als er sein Konzept „Leben wie Gott in Frankreich“ vorstellte.